Einführung in die exegetischen Methoden
Exegetische Methoden (1/6)
![]() ![]() ![]() | Allgemeine EinführungIm vorangehenden Modul wurde bereits erklärt, dass der Originaltext des Alten Testaments nicht mehr zugänglich ist und deshalb Abschriften sowie Übersetzungen der ursprünglichen Schriften Grundlage unseres heutigen Bestandes bilden. Diese sind fixiert und können sich nicht selbst erklären. Mit Hilfe des methodischen Instrumentariums der historisch-kritischen Exegese soll der vorliegende Text analysiert sowie der älteste erreichbare Bestand und dessen mögliche Intention rekonstruiert werden. Erst dadurch kann die Schrift in ihrer Zeit verstanden und der historische Sinn von späteren Erweiterungen und Interpretationen abgehoben werden. Um diese Frage zu beantworten, ist davon auszugehen, dass Texte, die von einem Autor in einem Zuge niedergeschrieben wurden, inhaltlich stringent sind. Das heißt: Es wird nicht ohne erkennbaren Grund mehrmals dasselbe erzählt, und es finden sich auf der Ebene des Erzählten keine Widersprüche. Darüber hinaus ist davon auszugehen, dass der Text formal einheitlich ist: Ein Autor beginnt einen Text üblicherweise nicht in Prosa und endet in Gedichtform. Auch ist anzunehmen, dass Stil und Vokabular im Wesentlichen einheitlich sind: Ein Autor beginnt einen Text also nicht in einer literarisch geschliffenen Hochsprache mit einem entsprechend gewählten Vokabular und geht dann in Slang über; auch verwendet er üblicherweise für bestimmte Dinge und Personen jeweils dieselben Begriffe und Namen. Vor diesem Hintergrund untersucht die Literarkritik Texte auf inhaltliche Doppelungen (=unnötige Wiederholungen) sowie auf inhaltliche Widersprüche; sie achtet darauf, ob sich Wechsel in Vokabular und formaler Gestaltung feststellen lassen. Lassen sich diese Dinge feststellen, kann erwogen werden, ob im betreffenden Text oder Textausschnitt möglicherweise die Arbeit mehrerer Autoren vorliegt. Ist ein Text von einem Autor in einem Zuge niedergeschrieben worden, ist er literarisch „einheitlich“; ist die Arbeit mehrerer Autoren in einem Text festzustellen, ist er literarisch „uneinheitlich“. Die Annahme literarischer Uneinheitlichkeit gewinnt besonders dann an Plausibilität, wenn sie sich durch Beobachtungen auf verschiedenen Ebenen begründen lässt, wenn also inhaltliche, sprachliche und / oder formale Beobachtungen zusammenfallen. Das ist z. B. dann der Fall, wenn ein wesentliches Handlungselement doppelt erzählt ist, womöglich noch in einander widersprechender Weise, und wenn damit noch Abweichungen im Gebrauch von Wörtern und Namen verbunden sind. |


